Torajaland

Selma am 10. August 2014

Es ist ein bisschen wie in einem dieser Dokumentarfilme, die manchmal im Fernsehen laufen, über irgendwelche ethnischen Stämme in fernen Ländern mit abenteuerlichen Riten. Im Land der Toraja, eine Gruppe die im Süden von Sulawesi Indonesien lebt, ist man live und mitten dabei!

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Mein Reisebegleiter Tim und ich fahren die 328 km von Makassar bis ins „Land of the heavenly kings“ mit dem Nachtbus. Übrigens der komfortabelste Nachtbus den ich je in Asien, Neuseeland und überhaupt hatte! (Kosten sind etwa 210000 rupiah, das macht etwa 13,50Euro und man bekommt gigantische Sitze die sich easy zu Betten umfunktionieren lassen). Ganz ehrlich, nichtmal die Betten hier sind so gemütlich! Einziger Nachteil ist, das etwa 20 der gigantischen, bunt bemalten, Reisebusse zur selben Zeit abfahren und ein nächtliches Rennen auf den schmalen, löchrigen Straßen Sulawesis veranstalten. So wird sich gegenseitig überhohlt, scharf in die Kurven gelegt und natürlich gehupt was das Zeug hält, Lichthupe sowie die normale Ohrenschmerzen-verursachende Hupe. Meine halbe Stunde Schlaf finde ich in einem der unzähligen Stopps, am frühen Morgen, denn zum Beten und Frühstück wird noch kurz vor Sonnenaufgang angehalten. Es ist noch immer Ramadan hier und das heißt, dass die Moslems vor Sonnenaufgang ihr Frühstück einnehmen. Gut für mich!
Leider ist in den letzten zwei Stunden Fahrt an Schlaf auch nichtmehr zu denken. So kommen wir zwar recht entspannt, aber totmüde (und hungrig!) in Rantepao, einer größeren Stadt im Torajaland, an. Uns wird von allen Seiten vermittelt, wir müssen uns doch einen Guide nehmen und die Übernachtung ist nicht für unter 200000 zu bekommen. Mein Reisebegleiter Tim ist aber recht bekannt mit den Preisen und vor allem der Sprache, und so finden wir nach kurzem Suchen eine nette, kleine Unterkunft in einer Familienherberge, mit großem Garten für nur 100000 (umgerechnet 7 Euro).

Im ganzen Ort wird davon geredet, dass heute eine große, ganz traditionelle Totenzeremonie stattfindet, die man nicht verpassen sollte. Also wird leider nichts mit Schlaf nachholen! Tim organisiert und schnell ein Motorbike (wir bezahlen 210000 für 3 Tage!) und auf gehts! Ohne Guide, die Bahasa Indonesia Kenntnisse müssen ausreichen. Alle paar Meter fragen wir nach der Richtung zur „Rante“, so nennt man hier den Zeremonienort, und die freundlichen Torajas schicken uns immer ein bisschen weiter in die richtige Richtung, oder einer der richtigen Richtungen. Zwischendurch folgen wir einem Fahrzeug, mit einem Büffel hintendrauf. Die Torajas schlachten nämlich gerne Büffel bei ihren größeren Zeremonien. Wir schlussfolgern mal einfach, dass dieser Büffel zu genau unserer Zeremonie fährt. Naja, den Büffel verlieren wir dann unterwegs irgendwie, aber wir finden den Weg, einen steilen Hügel hinauf, zur traditionellen Toraja Beerdigung.

Als wir ankommen, sitzen viele Indonesier, ganz in schwarz gekleidet, in offenen Bambushütten um einen Platz herum. Glücklicherweise ist unsere Kleidung gerade sowieso etwas dunkler, denn uns korrekt anzuziehen, daran hatten wir im Schlafmangelzustand nichtmehr gedacht. Gerade werden mehrere Gruppenfotos in der Mitte des Platzes geschoßen. Wir sehen keine anderen Touristen, denken uns aber nichts dabei. (Später erfahren wir, dass die große Totenzeremonie woanders stattgefunden hat, mit Büffelschlachtung und allem, was dazu gehört. Unsere war kleiner, dafür keine Touristen und vl dadurch noch authentischer). In der Mitte des Platzes sind außerdem Blutlachen zu erkennen, und 5 große Büffelhörner hintereinandergereit. Ein bunter Sarg steht auch dort, mit einem Foto der Verstorbenen daran. Zwei Jungs in spezieller Kleidung (wir erfahren später dass sie die Büffel geschlachtet haben) sitzen daneben. Ein Priester, ähnlich wie man ihn von zuhause kennt, ist auch dort.
Wir setzen uns zu den Einheimischen und fragen die Leute um uns herum, ob wir dabei bleiben können. Wir haben gehört, dass Touristen in der Regel willkommen sind. Ich glaube, es freut sie sogar, wenn mehrere Leute zu ihren Zeremonien kommen, denn es bedeutet größeres Ansehen. Es ist okay, also bleiben wir und betrachten das Geschehen.

Der Sarg wird für den Transport vorbereitet

Der Sarg wird für den Transport vorbereitet

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Ein Priester, der den Gottesdienst leitet, ganz wie zuhause

Ein Priester, der den Gottesdienst leitet, ganz wie zuhause

Bambushütten, die um die beiden Reisspeicher gebaut sind, dienen als Sitzgelegenheiten für die Gäste

Bambushütten, die um die beiden Reisspeicher gebaut sind, dienen als Sitzgelegenheiten für die Gäste

Betelnüsse die sich in der Tasche befinden gehören traditionell zur Grabbeigabe

Betelnüsse die sich in der Tasche befinden gehören traditionell zur Grabbeigabe

Hühner und Hunde laufen während der Zeremonie frei herum

Hühner und Hunde laufen während der Zeremonie frei herum

Nach kurzer Zeit geht der „Gottesdienst“ los. Ich nenne es so, denn es ist wirklich ähnlich einem Gottesdienst zuhause. Es werden Programme ausgeteilt, mit den Liedertexten darauf abgedruckt. Natürlich in bahasa Toraja, was nochmal ganz anders ist als bahasa Indonesia. Die Predigt verstehen wir demnach auch nicht. Trotzdem versuchen wir mitzusingen wo es nur geht!

Zwischendurch setzt sich einer der Gäste zu uns. Batii, ist ein Englischlehrer and der Universität in Rantepao und spricht perfektes Englisch, bahasa inggris. Er erklärt uns sehr vieles, wofür wir ihm wirklich dankbar sind. Er scheint ein sehr netter Kerl zu sein. Die verstorbene war seine Tante und er erklärt uns, dass dieses eine der größeren, teureren Zeremonien sei. Denn das ganze Bambusgerüst, was hier aufgebaut wurde, wird später wieder abgerissen. Es ist nur für diese eine Beerdigung da. Auch, dass 5 Büffel geschlachtet wurden, ist ein Zeichen von Reichtum, denn ein Büffel kostet hier mal eben gut 1000 Dollar.

Totenzeremonien nehmen hier in Toraja eine besondere Rolle ein. Es ist eine der wenigen Riten die den Toraja, die trotz Christentum noch vielen animistischen Glauben folgen, erhalten geblieben ist. Gefördert wird dies tatsächlich auch durch den Tourismus, da die Touristen nach Toraja kommen um diese besonderen Zeremonien beizuwohnen. Je reicher und machtvoller die Familie des Toten, desto größer die Beerdigung! Eine große Beerdigung mit vielen Gästen, geschlachteten Tieren (besonders Büffel, aber auch Schweine sind beliebt) bedeutet eine bessere Chance für den Verstorbenen um ins Paradies zu kommen. Es wird ein großes Bambusgerüst um die Kornspeicher der Toraja aufgebaut. Die Kornspeicher, die auch sehr farbenfroh und schön anzusehen sind, scheinen neben dem Lagern von Reis auch eine starke rituelle Bedeutung zu haben. Manchmal werden Beerdigungen Jahre später erst gehalten, aus dem einfachen Grunde dass sich die Familie dieses kostspielige Event vorher nicht leisten konnte. Der Verstorbene verweilt solange in einem der traditionellen Toraja Häuser, und liegt offiziel im tiefen Schlaf. Zum Beispiel wird ihm regelmäßig Essen gebracht und ein Verwanter ist immer anwesend. Der Tod ist folgens der Toraja kein abruptes Geschehen, sondern geschieht langsam. Während der „Tote“ noch im Haus verweilt, befindet sich seine Seele auch noch im Dorf, bis die Zeremonie beendet ist und sie sich ins Puya, ins Leben nach dem Tod, begeben kann. Die Büffel und Schweine helfen der Seele des Totem, das Puya zu erreichen.
Daneben hat das Ganze auch einen viel simpleren Grund: Je aufwendiger eine Familie ihre Mitglieder begraben lässt, desto höher ist ihr Stand im sozialem Gefüge der Torajas. Denn immerhin zeigt eine aufwendige Zeremonie Reichtum und Macht.

Gäste und Sarg befinden sich auf dem Weg zur Grabesstätte

Gäste und Sarg befinden sich auf dem Weg zur Grabesstätte

Es gibt noch sovieles zu erzählen über die Toraja und ihrer Kultur, aber ich belasse es erstmal hierbei.
Unsere Totenzeremonie war der letzte Tag einer drei Tage andauernden Zeremonie. Die Büffel wurden am Tage davor geschlachtet.
Nach dem „Gottesdienst“ gibt es noch Essen für alle Gäste (Jajaja :D) und es werden ein paar Spenden eingesammelt. Wir geben gerne! Schließlich wird der Sarg der Toten zu ihrem Grab getragen, welches sich hier traditionell in Felsen befindet. Es gibt drei verschiedene Arten des Begräbnis: Der oder die Tote wird entweder in ein extra dafür hergestelltes Steingrab geschoben, oder sie wird in eine Höhle gebracht, oder der Sarg wird an die Felsen gehangen. Wir erfahren nicht, wohin unsere Tote gebracht wird, denn Bati erklärt uns, dass es ein sehr sehr weiter Weg sei bis zum Grab. Und in einem der anderen Dörfer findet heute ein Büffelkampf statt, den wir nicht verpassen sollten aber wofür wir jetzt aufbrechen müsstten. Bati wirkt eigentlichlich garnicht so trauernd! Vielleicht ist seine Tante aber auch schon etwas länger im Übergang zum Totenreich und generell scheinen die Leute hier auch anders mit dem Tod umzugehen, als wir in Europa. Während bei uns das Thema Tod vermieden wird, größtenteils aus Angst meiner Meinung nach, setzen sich die Leute hier viel stärker damit auseinander. Auch wenn wir vieles als Aberglauben abtun würden, scheint ihr Umgang mit dem Tod ausgebildeter zu sein. Nichtverstehen (zb die Frage was kommt nach dem Tod) wird hier gefüllt mit Antworten die zu einem kultivierteren Umgang mit dem Tod führen.

Den Büffelkampf lassen wir uns auf jeden Fall nicht entgehen und gerne laufen wir mit dem motiviertem Bati die 4 km über schlammige Reisfelder, durch andere kleine Dörfer bis zum Kampfplatz. Auch dies ist Teil eines größeren Begräbnisses.

auf dem Weg zum Büffelkampf gehts durch die Reisfelder

auf dem Weg zum Büffelkampf gehts durch die Reisfelder

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Eine der Familien hat hier anscheinend richtig tief in die Tasche gegriffen und sich diesen Büffelkampf geleistet, ein Highlight auch für die Einheimischen. Jedes Dorf besitzt einen Büffel, nur für diese Kämpfe. Es werden immer zwei Büffel aufeinandergehetzt. Umringt sind sie von den schaulustigen Torajas, aber auch auf den umliegenden Hügels sitzen viele Leute. Wir machen es uns auf einem der voll besetzten Hügel bequem, da unten schon zuviele Leute sind und man den Kampf nicht mehr sehen würde.
Die Büffel haben in weißer Schrift ihren Namen auf den Körper geschrieben. Ausgewählte Kids des jeweiligen Dorfes bringen ihren Büffel in die Arena, dann geht es auch schon los! Es wird viel angefeuert und die Leute rücken immer Näher an die Büffel heran, die da es keine Absperrung gibt, auch immer mal wieder ihren Kampf in die Menschenmenge verlagern. Von oben ist es ganz lustig anzuschauen, wie die Leute auseinanderstoben. In der Regel gibt irgendwann einer der Büffel auf, indem er durch die Menschen aus der Arena rennt, gefolgt von dem Siegerbüffel, der den Besiegten natürlich nicht so einfach entkommen lassen will! Die Jungs versuchen ihre Büffel einzufangen, und der Sieger wird kräftig gefeiert, während der besiegte leise weggeführt wird. Wenn ein Büffel ganz mutig ist, wird sogar bis zum Tod gekämpft! Dies ist aber heute nicht passiert.
Als einer der Büffel auf das Spielfeld geführt wird, erklärt Bati uns, dass dies sein alter Büffel war, er hat ihn verkauft (jetzt besitzt er einen gepunkteten Büffel, der viel mehr wert ist. Das ist aber nicht zu vergleichen mit den Albinobüffeln, die hier mehrere tausend Dollar wert sind). Uns tut sein Büffel von anfang an Leid, denn sein Gegner wirkt schon vorher tierisch agressiv. Nach einigem heftigen Kopfzusammenstoßen verliert Batis Büffels dann leider auch, rennt aus der Arena und versucht durch den tiefen Schlamm der Reisfelder zu fliehen. Das verlangsamt ihn natürlich erheblich, und die Kids können ihn schnell wieder einfangen.

Feierlich wird der Büffel zum Kampf geführt

Feierlich wird der Büffel zum Kampf geführt

Der Kampf beginnt!

Der Kampf beginnt!

Während die Büffel ihre Hörner aneinanderwetzen, halten ein paar der Jungs die Zuschauer auf Abstand

Während die Büffel ihre Hörner aneinanderwetzen, halten ein paar der Jungs die Zuschauer auf Abstand

Der Sieger wird umringt und gefeiert

Der Sieger wird umringt und gefeiert

Der Verlierer wird eingefangen und bekommt nur wenig Interesse von den anderen Zuschauern

Der Verlierer wird eingefangen und bekommt nur wenig Interesse von den anderen Zuschauern

Zwischendurch wird Eis verkauft, und ein paar Snacks. Besonders das Eis ist willkommen, da es keinen Schatten gibt und wie immer in Indonesien, ist es tierisch heiß. Nach dem Eis machen wir uns auf den Rückweg. Wir bringen Bati noch in sein Dorf und er läd uns ein, ihn zu besuchen und mit ihm ein bisschen die Gegend zu erkunden. Wenn wir wollen, können wir auch eine Nacht in seinem Dorf verbringen, und den Dorfalltag ein bisschen miterleben. Natürlich wollen wir! Bati muss aber erst für 2 Tage nach Makassar, und hat erst danach für uns Zeit. Kein Problem, die Zeit kriegen wir hier schnell um! Es gibt ja noch soviel zu entdecken 🙂

Auf dem Rückweg

Auf dem Rückweg


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