Philipsburg, St. Maarten – Hinter den Kulissen

Markus Obstmeier am 23. März 2015

 

St. Maarten

St. Maarten

 

 

Die kleinste Insel der Welt mit zwei Ländern findet man in der Karibik. St. Maarten hat einen niederländischen und einen französischen Teil, in denen die jeweilig zughörige Landessprache auch gesprochen wird. Neben dem Rasta-Englisch versteht sich…. Ya man!!! Es wird in Gulden, Dollar oder Euro bezahlt und unabhängig davon, kann man nur sagen, dass es in welcher Währung auch immer sehr teuer ist. Jeden Tag legen bis zu neuen schwimmende Städte mit tausenden von Menschen an. Auf den Schiffen werden die Passagiere zuvor informiert, dass Elektronik und Juwelen günstig ergattert werden können. In der Hauptstadt der holländischen Seite gibt es im Wesentlichen drei Straßen. In der Front- und Backstreet, gleich in der Nähe der Strandpromenade, findet man dementsprechend viele Juweliere und Elektronikgeschäfte. Von Steinen habe ich keine Ahnung, allerdings fand ich das Angebot an Elektronik nicht wirklich so günstig. Die Insel ist voll mit mehr oder weniger großen Yachten und der Flughafen wird von vielen kleinen, privaten Sportfliegern oder Jets angeflogen. Das vermutlich berühmteste Markenzeichen von St. Maarten ist ohnehin die Landebahn, die nur wenige Meter nach dem Strand beginnt. Etwas wider Willen habe ich in Philippsburg knappe zwei Monate verbracht und tiefe Einblicke in das Leben hinter der Touristen-Kulisse genossen… oder auch nicht.

 

 

Saint Maarten

Saint Maarten

 

 

Am Vormittag, nachdem die Sonne ihren Platz über dem Himmelszelt gefunden hat, strömen die ersten Touristen von den riesigen Kreuzfahrtschiffen in die Stadt. Manchmal ist der Strand zum Bersten voll, manchmal auch nicht… dann sind alle beim Shoppen. Vermutlich kommt es darauf an, wie viele Stunden Aufenthalt veranschlagt wurden. Die Besucher sind bester Laune, was sehr gut nachvollziehbar ist, da die Kulisse von St. Maarten sofort gefällt. Es ist sehr sauber, die Häuser sind geschniegelt und gebügelt, sehen wirklich sehr schön aus. Der Strand ist von zwei „Bergen“ links und rechts begrenzt und zwischen den Palmen findet man die karibischen Rastafaris, die Reggae-Musik spielen und versuchen den Wünschen der Touristen gerecht zu werden oder anders ausgedrückt, möglichst viel Geschäft zu machen, bevor spätestens nach Sonnenuntergang die Bordsteine hochgeklappt werden. Und das ist in der Tat der Fall. Sobald die monströsen Schiffe abgelegt haben und die letzte Schiffshupe ausgeklungen ist, verwandelt sich Philippsburg mehr oder minder in eine andere Stadt. Die Geschäfte und fast alle Bars/Restaurants sind geschlossen und Touristen findet man kaum mehr. Doch am nächsten Morgen wird das Spiel totsicher wieder seinen Lauf nehmen.

Als ich mit dem Schiff die Insel besuchte, die mit Abstand von allen besuchten Karibikinseln mit dem ersten Eindruck am meisten bestach, traf ich auf ein Backpacker-Pärchen, dass dort ein paar Monate verbrachte und etwas für Restaurants arbeiteten… zumindest bis sie später jemand an die Offiziellen verpfiffen hat, da sie keine Arbeitsgenehmigung hatten. Sie meinten man kann für 400,- US-Dollar Monatsmiete dort leben, was geteilt durch zwei ein verdammt guter Preis für die Karibik ist. Zum Ende meiner Kreuzfahrt bin ich also postwendend von der Dominikanischen Republik nach St. Maarten zurück, hatte am Flughafen immense Probleme mit der Einreise und musste gezwungener Maßen erst einmal ein Hotelzimmer von dort aus buchen. Das günstigste Zimmer lag bei 65,- US-Dollar ohne Frühstück. Ein wahres Schnäppchen, aber ich wusste ja, dass ich bald ein günstiges Appartement finden werde und die Preise hier nicht so hoch wie auf den anderen Inseln sind. Der Bier- und Zigarettenpreis gilt als sicherer Indikator für das allgemeine Preisniveau eines Ortes und der war nirgendwo besser als in Philippsburg. Doch dieses Mal sollte er mich getäuscht haben. Gab es zwar sehr gute Angebote, aber die waren leider Gottes auch das einzig günstige. Ähnlich wie es mir in der australischen Minenstadt ergangen war, erging es mir nun in St. Maarten. Selbst der Supermarkt war astronomisch teuer und Angebote kaum zu finden. Doch nicht nur Angebote waren schwer zu entdecken, sondern auch ein bezahlbares Zimmer. So lief ich umher und fragte mich durch…. Wanderte von Pontius zu Pilatus und hatte am Ende immer noch nichts gefunden. Das Budget war wie immer schmal und schmächtig und die Zeit gegen mich. Verzweifelt fragte ich noch einmal jemanden, der mir auch einen Tipp gab. Leider war allerdings bereits jedes Zimmer belegt. Gegenüber war noch ein Hostel, dass alles andere als geöffnet aussah… eigentlich mehr einer Baustelle glich. Das war dann auch mein finales Glück, da es geöffnet war und es stellte sich heraus, dass es genau jenes war, indem das Backpacker-Pärchen  wohnte, das ich beim Erstbesuch der Insel getroffen hatte. Die einzige Möglichkeit günstig zu wohnen bzw. zu überleben… hat mich zufällig gefunden. Problematisch war jedoch immer noch eins…. Eine Selbstverständlichkeit, die plötzlich fehlte. Etwas das unser eins zum Inventar zählt, etwas mit dem Namen „Kühlschrank“. Da das Leben so teuer war und selbst der Supermarkt (es war günstiger in einem Restaurant, Subways oder McDonalds etwas zu essen, als dort einzukaufen) unfassbare Preise an seinen Waren prangen hatte, glich der nicht funktionierende Kühlschrank einen Loch, einem Krater im Geldbeutel. Es war nicht einfach…

Doch die Tage nahmen ihren Lauf und ganz sicher keine Rücksicht auf meinen Finanzstatus. Jammern half nicht und immerhin befand man sich ja trotzdem auf einer Karibikinsel mit bezaubernder Landschaft und einer sehr interessanten Kultur. Zum Strand war es auch nicht weit und Schwimmen im Meer ist das beste, kostenlose Fitness-Center, das es gibt. Das machte ich auch jeden Tag, zumindest solange bis auffiel, dass man keinerlei Einheimische im Wasser sah. Die Antwort war im Grunde offensichtlich und ständig vor Augen. Die riesigen Schiffe und all der Schiffsdiesel… hätte mir auch selber auffallen können… doch zudem kam angeblich auch noch Abwasser aus der Stadt. Das war es dann wieder mit dem Schwimmen für mich. Es dauerte eine Zeit bis man wusste wo man was besorgen kann, wer ist wer und überhaupt realisierte wo man ist. Auch die Umstellung nach drei Wochen Schiffsleben (das allerdings dem Inselleben sehr ähnlich ist), beanspruchte neben der allgemeinen kulturellen Eingewöhnungsphase seine Zeit.

So ging ich also jeden Tag zur Strandpromenade und versuchte zu arbeiten, denn das wäre auch kostenlos gewesen. Doch auch das war mir oftmals nicht vergönnt, da das Internet meist nicht funktionierte oder nur unendlich langsam war, da hunderte bis tausende von Menschen, ihre Chance nutzten beim Landgang auch online zu gehen. Auf den Schiffen selbst ist Internet so teuer, dass es das eigentlich gar nicht geben dürfte. Kein Kühlschrank, kein Schwimmen und keine Arbeit war eine starke Kombination, zu der gesalzene Preise und hochgeklappte Bordsteine hinzukamen. Die meisten Einwohner bzw. Arbeiter in Philippsburg, wohnten natürlich nicht im karibischen Einkaufs-Mekka, das überließen sie den Touristen. Diejenigen welche wohnten mehr in unserer Gegend, die sich als kleines Ghetto heraus kristallisierte. Scheiben wurden eingeschlagen, Craig kursierte, mittellose Typen fragten nach Geld und so weiter und so fort. Ein weiteres Highlight der Stadt sind die Casinos, die auch noch Spielsucht mit ins Portfolio brachten. Es gibt ein paar Casinos und der Witz an der Sache: Im Casino kann man umsonst trinken und ganz nebenbei etwas spielen. Wer also nicht viel Geld hat oder wem die Langeweile plagt, der geht in die Spielhölle. Jeden Montag war das wöchentliche Highlight in einem der Casinos. Dort versammelten sich Jungs und Mädchen zum Spektakel…. Habe ich gehört. Die Casinos sind in der Tat die einzige Möglichkeit etwas zu unternehmen in Philippsburg. Ich selbst war nur im Casino, um ein Sandwich zu holen, wenn alles andere bereits geschlossen hatte, was sich wie gesagt, nicht allzu spät zuträgt. Außerdem war es mit 5,- Dollar für das große Sandwich super günstig. Óle!!!
Die Einblicke in das Strandleben in Philipsburg waren speziell. An diesem Strand dreht sich am Ende alles um die Kreuzfahrtschiffe und den angekarrten Massentourismus. Im Gegensatz zu anderen Stränden findet man dort keine Beachparty oder zumindest nur sehr selten und falls es passiert, konnte man sich gewiss sein, dass man so ziemlich der einzige ausländische Besucher unter den wenigen Gästen war. Was jedenfalls zählt ist die Promenade, Jetski-Fahrten zu verkaufen, wo man sein Lokal hat und/oder wie viele Strandstühle man unter seinen Nägeln hat. Es war interessant die Jungs zu beobachten, wenn sie tagsüber in ihre Arbeitsrolle schlüpften und den Touristen somit gaben, was sie sehen und hören wollten. Wie immer, wenn man an einem Ort länger bleibt, durchläuft man mehrere Phasen:

 

Phase I: Zu Beginn absoluter Eintagsfliegen-Status

Phase II: Ein Tourist der ein paar Tage bleibt

Phase III: Ein Tourist mglw. breits ein Bekannter der eine Woche oder länger bleibt

Phase IV: Nach zwei Wochen ist man Freund

Phase V: Nach drei bis vier Wochen ein guter Freund

Phase VI: Darüber hinaus… gehört man zum Spot

 

 

St. Maarten

St. Maarten

 

 

Wer länger an einem Ort bleibt, bekommt in der Regel gute Mietpreise, weiß wo man was günstig bekommen kann, hat einheimische Freunde und Bekannte, die mit Rat und Tat unterstützen, kann vielleicht sogar umsonst wohnen und kommt in der Regel über die Runden. Wie bei einem Autorennen ist der Start und die Startphase alles entscheidend. Nach dem grünen Licht heißt es überleben, einen guten Platz ergattern und seine Position soweit wie möglich zu verbessern. Mittellosigkeit kann mit Zeit und Kreativität entgegen gewirkt werden. So wird Zeit zu Freund und Feind. Es ist Schizophren aber wahr. Und mit ihrem Laufe, lernt man viele neue Menschen, eine neue Art zu leben und eine neue Kultur kennen… was für mich ohnehin das wesentliche Ziel ist. Rückwirkend betrachtet, könnte man über jeden Flecken der Erde, an dem ich länger war eine eigene Episode drehen, mit neuen Haupt- und Nebendarstellern… ja ja, die Welt ist eine Bühne und Bretter, die für Shakespeare die Welt bedeuteten, sind in St. Maarten Strandstühle. Momentan hingegen, sind es in meinem nicaraguanischen Fischerdorf doch wieder Bretter…. Surfbretter.

Ich habe viele Freunde in St. Maarten gewonnen, mit unterschiedlichen Jobs, Charakteren und Perspektiven. Mittellose Spielsüchtige, Craig-Junkies, Alkoholiker und kleine Gauner, aber auch liebevolle Menschen, Unternehmer, Süßwarenverkäufer, Barkeeper, Tour-Guides, Jet-Ski-Fahrer, den besten Koch der Insel (ein Landsmann) und viele mehr. Interessant ist, dass hinter der Kreuzfahrt-Karibik-Traumstadt-Kulisse, viele der Menschen wenig Geld haben und das Leben nicht unbedingt einfach macht.

Eines schönen Abends wurde neben uns ein Juwelier ausgeraubt… hat mir ein Kerl erzählt, den ich am nächsten Tag kennen lernte. Er hatte den Arm verbunden…. Auf meine Frage was denn passiert sei zeigte er mir den Messerstich….“it happened just around the corner“…. Erzählte er mir. Wunderbar!

Für mich stellte sich schnell die Frage, wann und wie ich von hier nach Mittel- oder Südamerika komme. Die Antwort lag auf der Hand, da Flüge unbezahlbar waren…. War es doch Weihnachtszeit und Neujahr stand auch noch vor der Tür. Da es keine Schiffe gibt, die zum Festland fahren, half nur warten. In der Zwischenzeit versuchte ich eine Mitfahrgelegenheit mit einem der zahlreichen privaten Schiffe irgendwohin zu bekommen, entwarf einen netten, kleinen Flyer und war sogar bei einem Österreicher, der für die Yachten jeden Morgen eine eigene kleine Radiosendung gestaltete. Es meldete sich in der Tat jemand und es sah verdammt gut aus mit dem Katamaran von St. Maarten über die Bahamas nach Miami zu kommen… So verwarf ich die Flugbuchung wieder und wartete darauf, dass es losgeht. Doch leider platzte diese Option in letzter Minute, da das Schiff dann doch nicht ablegte. Mit Blick auf meine finanzielle Reserve (was zu dem Zeitpunkt bereits optimistisch ausgedrückt ist) musste ich so schnell wie möglich einen Flug buchen, egal wie viel er kostete… das preiswerteste Angebot war immer noch in horrender Höhe, aber der einzige Weg die Insel nun endlich zu verlassen. Und so machte ich mich auf den Weg nach Nicaragua…  Und wenn ich nicht weiter gereist bin, dann bin ich immer noch da 😉

 

Am Ende kann ich zu der Zeit auf der Karibikinsel nur sagen, dass es ein unvergessliches Erlebnis war… auch ohne Geld oder eigentlich genau deshalb. Denn das was ich von dort mitgenommen habe, ist eine dieser Sachen, die mit Geld nicht gekauft werden kann.

 

 

St. Maarten

St. Maarten

 

Wir lesen uns!


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