Afghanistan… und der Sport

Markus Obstmeier am 7. Mai 2014

Nach zwei Wochen Afghanistan konnte ich viele Eindrücke sammeln und bereue es keineswegs mir selbst ein Bild vor Ort gemacht zu haben. Meine Zeit hier habe ich im Nordosten/-westen verbracht. Ein Besuch des großflächigen Paschtunen-Gebiets in denen sich Al Quaida und Taliban aufhalten und organisieren, ist selbstverständlich nach wie vor nicht empfehlenswert. In Gesprächen mit Einheimischen war deren Antwort hierzu: „Nur Islamisten können diese Gegenden bereisen. Ungläubige werden wahrscheinlich umgebracht.“ Auch wenn 14 Tage nicht sehr lange sind, war es ausreichend um Vorstellungen zu belegen und zu widerlegen.

Nach unvorstellbaren 35 Jahren Kriegszustand ist das Land im Mittleren Osten zweifelsfrei tief vom Krieg gezeichnet. Die afghanische Bevölkerung ist müde, sehnt sich nach Frieden. Die Bevölkerung setzt sich aus verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen und jede für sich ist einzeln zu betrachten. Afghanen sind eben nicht gleich Afghanen und dürfen nicht über einen Kamm geschert werden. Ein Bayer ist nun mal auch kein Sachse.

Einen anhaltenden Frieden wünschten sich hier alle, mit denen ich in Kontakt gekommen bin. Terror und Angst verbreiteten nur die wenigen extrem radikalen, dafür umso bekannteren Gruppierungen. Ich habe viel hinterfragt, wenn sich die Gelegenheit geboten hat und es war sehr interessant, dass Taliban & Co kaum bis gar keinen Rückhalt in der hiesigen Bevölkerung mehr genießen. Genauer gesagt, ist das Gegenteil der Fall. Nach dem aktuellsten Anschlag in einer südöstlichen Provinz, bei dem Frauen und Kinder ums Leben gekommen sind, wurden die Taliban-Kämpfer sogar in einer Radiosendung öffentlich kritisiert. Das ist insofern verwunderlich, da die Menschen mit zu harrscher Kritik sehr vorsichtig umgehen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese gegen die Regierung oder Taliban gerichtet ist.

Mich interessierte auch, wie das Einschreiten der USA beziehungsweise der internationalen Truppen in 2001 empfunden wurde. Die Antwort war meist eine befürwortende. Abgesehen von der hohen Militärpräsenz in Kabul, die mich zu erst verunsichert hatte, war ich stets und überall mehr als Willkommen. Man kann auch sagen, ich wurde von Freundlichkeit und natürlich auch von Neugierde gerade zu überhäuft.

Leider gibt es durch die dramatische Geschichte des Landes unzählbar viele arme Menschen unter denen sich trauriger Weise eine unüberschaubare Anzahl an Kindern befindet. Meine mitgebrachten Spielbälle, zauberte schier grenzenlose Freude in die kleinen Gesichter, während kleinere Geldscheine einfach verpufften. Ein Kind bleibt nun einmal Kind und Spielzeug haben die Bettelkinder naturgemäß eher selten.

Die Armut sei besonders in denen letzten Jahren stark gestiegen, so die Aussage der Menschen. Aktuell wird auf den Straßen Kabuls gegen den Bürgermeister protestiert. Hintergrund war der weit verbreitete Unmut der Großstädter über die ungenügende Weiterentwicklung der Stadt durch die Gelder der internationalen Gemeinschaft. Widerrum als Musterbeispiel für einen erfolgreichen Aufbau wird die jahrtausende alte Stadt Herat herangezogen. In der Tat ist dort viel geschehen und es gleicht schon fast einem völlig normalem Leben. Wie in Kabul, gibt es auch hier bewaffnete Soldaten und Polizisten, um die Sicherheit aufrecht zu erhalten und erinnert daran, dass eben nicht alles völlig normal ist. Doch die Atmosphäre ist um Welten entspannter als in der Hauptstadt. Ein kleiner Straßenjunge, der mich einen halben Tag auf meine Weg durch Herat begleitet hatte, sah den Polizeiwagen mit aufmontiertem Maschinengewehr als Spielzeug an, auf das man doch hinauf klettern kann. Leider geht das nicht, aber der Polizist nahm es mit einem sanften lächeln hin.

 

Mein kleiner Freund

Mein kleiner Freund

 

All das gilt im Grunde genommen ebenso für die Stadt Mazar e Shariff. Die Herzlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft der Bewohner scheint grenzenlos zu sein. Trotzdem darf niemals vergessen in welchem Land man sich befindet. Es gibt Ecken, die besser nicht besucht werden sollten und deshalb ist es unerlässlich sich mit ortskundiger und der Landessprache mächtiger Begleitung umher zu bewegen. Eine nicht gerade überraschende Weisheit, sollte man jetzt denken. Nachdem ich allerdings auch auf einen kanadischen Backpacker gestoßen bin, der alleine die Straßen Afghanistans erkundet hat, schien es mir jedoch eine Erwähnung wert zu sein.

Da ich diesen Blogeintrag noch fast bis ins Unendliche ausführen könnte und es sehr schwer ist nicht von Pontius und Pilatus zu schreiben, muss ich an dieser Stelle ein kleines Resumee ziehen. Ich habe hier so viel erlebt und Anekdoten gesammelt, die für ein ganzes Buch ausreichend sind. Die wichtigsten Erkenntnisse jedoch sind de facto das unbändige Verlangen nach Frieden der Menschen, die bemerkenswerte Aufgeschlossenheit gegenüber Ausländern  (die aus Ländern kommen, die in ihrem Land noch bis vor Kurzem Krieg geführt haben) und die mehr als interessante Kultur. Vor allem Letzteres möchte ich wenigstens einmal hervorheben, da alles was wir von Afghanistan und in den anderen westlichen Ländern über die Medien erfahren, sich ausschließlich um Krieg und Terror dreht.  Doch dieses Land besteht zu 99 Prozent aus Menschen, die mit all diesem Blut vergießen nichts zu tun haben wollen. Unglücklicherweise kennt ein Afghane meines Alters leider keine andere Situation in seinem Land. Er kennt nur die Armut und die Ungewissheit der Zukunft. Unter diesen Umständen ziehe ich anhand meiner persönlich gemachten Erfahrungen meinen Hut vor diesen erstaunlichen Leuten. Wie es mit diesem ständig vom Schicksal gebeutelten Land weitergeht… wer kann das schon sagen. Als sicher gilt, dass sich dieses Land nach anhaltenden Frieden sehnt.

Zum Abschluss dieser überwiegend subjektiven Momentaufnahme und der Widerspiegelung von Hören-Sagen, gehe ich wie aus unseren Nachrichten gewohnt nach einer Litanei an Schreckensmeldungen und Schicksalsschlägen nahtlos über zum Entertainment – Dem Sport.

 

Sport - Zufälliges Treffen mit dem amtierender Europameister im Kickboxen

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